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Teil 1 - Die Entdeckung des Antoine Court de Gébelin Teil 3 - Die ersten nachweisbaren Tarotkarten Teil 5 - Mystiker und Magier des Tarot
Teil 2 - Geschichte und Herkunft der Karten Teil 4 - Etteilla und Lenormand Home     Impressum

Geschichte des Tarot - Teil 3 - Die ersten nachweisbaren Tarotkarten

Bei allen Karten, die für die Zeit vor 1420 nachweisbar sind, muss man, mangels gegenteiliger Beweise davon ausgehen, dass es sich um Spielkarten handelte. Das liegt hauptsächlich daran, dass die Trümpfe des Tarots, die wir heute als "Große Arkana" bezeichnen, vor dieser Zeit von keiner der nachweisbaren Quellen erwähnt werden. Auch die siebzehn illuminierten Karten, die sich heute in der Bibliothèque Nationale in Paris befinden und die früher als die ersten nachweisbaren Tarotkarten galten, werden inzwischen auf einen späteren Entstehungszeitraum datiert. Bei einigen dieser siebzehn Karten handelt es sich eindeutig um Tarottrümpfe. Lange Zeit nahm man nun an, dass es sich bei diesen Karten um die im Rechnungsbuch Karls VI. erwähnten Gringonneur-Karten handeln könnte (s.o.). Damit wäre der Nachweis für die Existenz von Tarotkarten bereits für das Jahr 1392 gegeben gewesen. Inzwischen geht man jedoch davon aus, dass die Pariser Karten erst Ende des 15. Jahrhunderts entstanden sind und aus Venedig kamen. Das schließt zwar nicht aus, dass auch die Gringonneur-Karten bereits Tarotkarten waren. Die Pariser Karten können jedoch nicht mit diesen identisch sein.

Der erste gesicherte Nachweis über die Existenz von Tarotkarten stammt aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts aus Italien. In den Jahren von 1420 bis 1450 bestellten der Herzog von Mailand, Filippo Maria Visconti (1391 - 1447), und vermutlich auch noch sein Nachfolger Francesco I. Sforza, der 1450 als Nachfolger Viscontis nach der kurzen Periode der ambrosianischen Republik Herzog von Mailand wurde, um die 15 verschiedene Kartendecks, aus denen noch 250 Karten erhalten sind. Diese Karten werden heute als Visconti-Spiele bezeichnet. Das bekannteste davon ist das Visconti-Sforza Tarot, welches mit 74 noch erhaltenen Karten das bisher älteste bekannte Tarot ist.

Etwa um das Jahr 1470 entstanden die Karten, die heute als Mantegna Tarot bekannt sind, da sie ursprünglich dem venezianischen Maler Andrea Mantegna zugeschrieben wurden. Inzwischen geht man aber davon aus, dass die Karten nicht von Mantegna, sondern von einem Schüler aus der Schule von Francesco del Cossa gemalt wurden und in Ferrara entstanden sind. Das aus nur 50 Karten bestehende Tarot wurde von mehreren Künstlern der damaligen Zeit kopiert, darunter auch Albrecht Dürer. Die Kartendarstellungen, die u.a. den Weg zu Gott verdeutlichen sollten, legen einmal mehr die Vermutung nahe, dass ein solches Tarot nicht nur zum Zweck des Spielens allein geschaffen wurde.

Im späten 15. Jahrhundert entstand dann eines der bemerkenswertesten Tarots: das Sola Busca Tarot. Dieses Deck ist das erste historisch bekannte Tarot, bei dem die Zahlenkarten voll bebildert sind. Die Trümpfe (Große Arkana) dieses Tarots haben augenscheinlich historische Personen, hauptsächlich aus dem alten Rom, zum Vorbild. Damit unterscheidet sich das Sola Busca Tarot von allen anderen seiner Zeit und blieb gut 500 Jahre lang einzigartig. Erst 1909 wurde mit dem Rider Waite Tarot wieder ein Deck geschaffen, bei dem die Zahlenkarten voll bebildert sind. Pamela Colman Smith, die Schöpferin des Rider Waite Tarots, soll angeblich das Sola Busca Tarot hierfür zum Vorbild genommen haben. Der Schöpfer des Sola Busca Tarots selbst ist unbekannt. Seinen Namen hat das Deck nach der Familie Sola Busca bekommen, für die es wahrscheinlich geschaffen wurde.

In einem alten Manuskript, das auf die Zeit um 1500 datiert wird, befindet sich die Predigt eines Franziskanermönchs aus der italienischen Provinz Umbrien. In dieser Predigt wendet sich der Mönch vehement gegen Glücksspiele. Als eines dieser anzuprangernden Glücksspiele nennt er die "Trümpfe" (ital. Trionfi). Gegen dieses Spiel scheint er besonders eingenommen zu sein, da dort auch "...der Kaiser, der Papst, der Teufel, Engel und sogar Gott selbst erscheinen...". Der aufgebrachte Mönch gibt alle Karten mit ihrem jeweiligen Namen an. Es ist recht eindeutig, dass dieselben Karten gemeint sind, die wir heute als die Großen Arkana des Tarot kennen, auch wenn die Kartenbezeichnungen nicht völlig exakt mit denen der Großen Arkana übereinstimmen. Dafür geben sie einen ganz anderen Hinweis.

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Im Mittelalter und in der Renaissance wurden in den Städten Italiens sogenannte "Trionfi" (zu Deutsch: "Triumphe") abgehalten. Diese Trionfi waren Umzüge, bei denen auf großen Wagen allegorische Bilder durch die Straßen gefahren wurden, welche religiöse Szenen, aber auch antike Mythen darstellten. In der Regel gab es drei verschiedene Triumphfolgen. Die erste Folge war der Triumph der Liebe. Ihr folgte der Triumph des Todes. Als letztes kam der Triumph der Ewigkeit. Der gesamten Prozession voran fuhr ein Wagen mit der Darstellung eines Gauklers als Sinnbild für den Narrenkönig der antiken römischen Saturnalia. Am Ende der Prozession kam ein Wagen, der einen Narren zeigte, welcher als Sinnbild des Frühlings galt. Ein solcher Triumphzug soll manchmal aus mehr als 200 Wagen bestanden haben, wobei die Darstellung der einzelnen Szenen auf mehrere Wagen verteilt war. Die Reihenfolge der Szenen zeigt eine weitgehende Übereinstimmung mit der Reihenfolge der Trümpfe, wie sie der erboste Mönch in seiner Liste aufführt. Zudem ist der Begriff "Trümpfe" aus dem Wort "Triumph" (ital. Trionfo) entstanden. Im Italienischen besteht sogar eine völlige Namensübereinstimmung. So verlockend jedoch die Triumphzug-Theorie auch ist, unter Tarotforschern ist sie nicht unumstritten.

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Etwa in der Mitte des 16. Jahrhunderts taucht dann zum ersten mal die Bezeichnung "Tarocchi" für die Karten auf. Ob und wie die Begriffe "Tarocchi" und "Trionfi" zusammenhängen, ist nicht geklärt. Aus dem italienischen Wort "Tarocchi" (sing. Tarocco) wurde im Französischen "Tarot" und im Deutschen "Tarock".

Irgendwann zwischen 1748 und 1760 entstand in der Kartenmanufaktur von Nicolas Conver aus Marseille ein Tarot, das heute als Tarot de Marseille bekannt ist. Die Kartenbilder dieses Tarots sind aus Holzstichen entstanden und wirken sehr einfach gestaltet. Sie sind lediglich in den Farben Rot, Blau, Gelb und Grün koloriert.

Möglicherweise war es ein Tarot de Marseille, welches Court de Gébelin einige Jahre später, an jenem schicksalhaften Nachmittag in Paris sah, welcher heute als die Geburtsstunde des esoterischen Tarots gilt. De Gébelin starb 1784. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich seine Erkenntnisse über das Tarot bereits in der esoterischen und okkulten Welt der damaligen Zeit verbreitet. Besonders ein Mann verschrieb sich ganz de Gébelins geistigem Erbe.

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