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Marie Anne Lenormand (1772 - 1843)

Marie-Anne Adelaide Lenormand war schon zu Lebzeiten eine Legende. Daher ist es eigentlich kein Wunder, dass es von ihrer Lebensgeschichte mehr als eine Version gibt. Das fängt schon bei ihrem Geburtsdatum an. Als Geburtsjahr werden sowohl das Jahr 1772, als auch 1768 angegeben. Bereits 1843, im Jahr ihres Todes, erschienen drei Biografien, die zeigen, dass das genaue Geburtsjahr der "Sibylle von Paris", wie sie mit Blick auf die berühmten Prophetinnen der Antike genannt wurde, bereits damals strittig war. Dabei scheint die Lösung des Rätsels so einfach, wie ungewöhnlich zu sein: es gab ganz einfach zwei Marie-Anne Lenormands, streng genommen gab es sogar drei. Als Marie-Anne Lenormand, geb. Gilbert, die Mutter der Seherin, 1768 schwanger wurde, soll ihr angeblich von einer Zigeunerin prophezeit worden sein, dass das Kind, welches sie erwartete, reich und berühmt werden würde, vorausgesetzt es ist ein Mädchen. Als das Baby dann geboren wurde, war es tatsächlich ein Mädchen, doch es lebte nur wenige Stunden. Vermutlich ist es zu einer Nottaufe gekommen, denn das Neugeborene erhielt einen Namen: Marie-Anne. Doch der Tod des Kindes schien die Prophezeihung der Zigeunerin als falsch zu entlarven. Es sollte noch vier Jahre dauern, bis sich wieder Nachwuchs ankündigte. Am 27. Mai 1772 ist es dann endlich soweit. Wieder ist es ein Mädchen und die Eltern nennen es ebenfalls Marie-Anne, nach der Mutter und der verstorbenen Schwester. Ungewöhnlich war das nicht, glaubte man doch im 18. Jahrhundert in der Normandie, dass sich die Seele eines bei oder kurz nach der Geburt verstorbenen Kindes in dem nächst folgenden Kind des gleichen Geschlechtes wieder inkarnieren würde, wenn man diesem den gleichen Namen gab. Diesmal überlebte das Kind und nicht nur das: Marie-Anne Lenormand sollte die Prophezeihung der Zigeunerin, die vier Jahre zuvor eigentlich ihrer Schwester galt, voll erfüllen.

Die nächste Ungereimtheit in Marie-Anne Lenormand's Biografie ergibt sich aus dem Tod des Vaters. Dieser war ein Kaufmann, der mit seiner Familie in Alençon lebte, wo Marie-Anne auch geboren wurde. Laut Anne Biwer war Marie-Anne das älteste Kind ihrer Eltern. Nach ihr sollen ihren Eltern noch zwei weitere Kinder geboren worden sein. Nun wird aber auf der französischen Seite über die Geschichte der Stadt Alençon das Todesdatum des Vaters mit dem 10. April 1773 angegeben. Wenn aber der Tod des Vaters nur knapp ein Jahr nach der Geburt des ersten Kindes erfolgte, kann er wohl kaum in der kurzen Zeit noch zwei weitere Kinder mit seiner Frau gezeugt haben, ohne sämtliche Gesetze der Natur außer Kraft zusetzen. In das Reich der Legende kann man die Geschwister der Lenormand auch nicht verweisen, denn zumindest die Existenz des Bruders ist belegt.

Über die Kindheit der Lenormand ist wenig bekannt. In der Klosterschule eines Benediktinerinnen-Klosters erhielt sie einige Jahre eine Schulausbildung, was für Mädchen in der damaligen Zeit nicht gang und gäbe war und auf eine gewisse Wohlhabenheit der Familie hinweist. Als Marie-Anne aber im Jahre 1781 vorhersagt, dass die Äbtissin des Klosters abgesetzt werden würde und diese Prophezeihung dann auch noch eintrifft, wird sie der Schule verwiesen. Auch die nächsten Jahre in ihrem Leben sind nicht eindeutig belegt. Irgendwann vor ihrem 21. Lebensjahr muss sie nach Paris gegangen sein. Wahrscheinlich arbeitete sie zuerst als Näherin bei einem Schneider, tat sich dann aber 1793 mit einer Kartenlegerin namens Madame Gilbert zusammen, die vermutlich eine Schwester oder eine Schwägerin ihrer Mutter und somit Marie-Annes Tante war. Das Kartenlegen war in Frankreich recht verbreitet und wurde meist mit einfachen Spielkarten durchgeführt. Durch Court de Gébelin und Eteilla, die das Tarot als Wahrsageinstrument entdeckten, war aber in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Kartomantie auch "salonfähig" geworden. Es war "in" eine Kartenlegerin oder einen Kartenleger zu konsultieren. Entsprechend groß war die Konkurrenz. Aus irgendeinem Grunde haben Marie-Anne und Madame Gilbert jedoch die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich gezogen. Da Kartenlegen nicht verboten war, wird vermutet, dass sie sich nicht ganz "astreiner" Methoden bedient haben könnten, um gegenüber der Konkurrenz einen Vorteil zu erlangen. Allerdings war 1793 auch das Jahr, in welchem die Lenormand mit drei der einflussreichsten Männer der Französischen Revolution zusammentraf. Marat, Robespierre und Saint-Just erschienen gemeinsam zu einer Konsultation und die Lenormand soll ihnen einen gewaltsamen Tod für das folgende Jahr vorausgesagt haben. Eine solche Prophezeihung hätte damals durchaus für eine Verhaftung und Gefängnis ausreichen können. Die Ermordung Marats durch Charlotte Corday am 13. Juli 1793 könnte ein Zusätzliches getan haben. Eine der Prophezeihungen war eingetroffen. Das die Lenormand sich im Zeitpunkt irrte, hätte wohl kaum eine Rolle gespielt. Hinzu kommt, dass Marie-Anne kein Gheimnis daraus machte, dass sie eine überzeugte Royalistin war. Im Paris des Jahres 1793 konnte das lebensgefährlich werden. Für die Version einer Verhaftung aus politischen Gründen spricht auch die Tatsache, dass Marie-Anne im Gefängnis La Force gewesen sein muss, einem Gefängnis, in dem prominente Royalisten gefangen gehalten wurden, denn dort lernte sie Joséphine de Beauharnais, die spätere Kaiserin, kennen, die nach der Hinrichtung ihres Mannes, des Vicomte de Beauharnais, 1794 dort inhaftiert wurde. Die Lenormand soll ihr damals, also zwei Jahre vor der Heirat Joséphine's mit Napoleon, prophezeit haben, dass sie einst einen berühmten Feldherren heiraten würde. Diese Prophezeihung wurde später in Paris bekannt und Joséphine de Beauharnais hat sie nie dementiert. Wie dem auch sei, Marie-Anne Lenormand wurde zum ersten Mal zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Für Robespierre und Saint-Just ist ihre Voraussage übrigens in vollem Umfang eingetreten. Beide wurden im Jahr nach Marie-Anne's Prophezeihung, am selben Tag, dem 28. Juli 1794, hingerichtet.

Bereits vor 1796 soll Marie-Anne dem aufstrebenden Offizier Napoleon Bonaparte die Karten gelegt haben. Dieser soll aber von der Lenormand nicht sehr angetan gewesen sein, prophezeite sie ihm doch, dass sein Erfolg und sein Glück von einer Frau abhängig sein werden. Am 09. März 1796 heiratet Napoleon die sechs Jahre ältere Joséphine de Beauharnais, in die er sich heftig verliebt hatte. Aufgrund ihrer alten aristokratischen Abstammung und ihrer Beziehungen zu hochrangigen Politikern ist sie in der Lage, dem Korsen Napoleon die notwendige gesellschaftliche Akzeptanz zu verschaffen. Auch seine Ernennung zum General der Italienarmee verdankte er zumindest teilweise der Protektion seiner Frau. Zwar muss er in der Folgezeit einige empfindliche Niederlagen einstecken, erweist sich aber insgesamt als hervorragender Feldherr. Es geht steil bergauf. 1799 wird er Erster Konsul der französischen Republik. 1804 krönt er sich zum Kaiser von Frankreich und Joséphine zur Kaiserin. Im Dezember 1809 aber lässt er sich aus rein politischen Gründen von Joséphine scheiden, obwohl er sie immer noch liebt. Er heiratet die Erzherzogin Marie-Louise von Habsburg, die älteste Tochter des österreichischen Kaisers, um das österreichisch-französische Bündnis zu stärken. Von nun an geht es bergab. 1812 beginnt der den Russland-Feldzug, der zum Anfang seines Endes wird. Die endgültige Niederlage kommt 1813 mit der Völkerschlacht bei Leipzig. Russland, Preußen, England und selbst Österreich verbünden sich gegen ihn. 1814 wird er nach Elba verbannt. 1815 kann er zwar von dort fliehen, nach Frankreich zurückkehren und erneut ein großes Heer um sich sammeln. Doch die Schlacht bei Waterloo im selben Jahr besiegelt endgültig seinen Untergang. Er wird nach St. Helena verbannt. Zu Lebzeiten betritt der einstige Kaiser der Franzosen nie wieder französischen Boden. 1821 stirbt er auf St. Helena. Erst 1840 wird sein Leichnam nach Paris überführt, wo er im Invalidendom seine letzte Ruhestätte findet. Mlle Lenormand hatte recht behalten.

Ab 1797 ist Marie-Anne in der Rue de Tournon gemeldet, wo sie als professionelle Wahrsagerin arbeitet. Schon bald gibt sich die gehobene Pariser Gesellschaft bei ihr sozusagen "die Klinke in die Hand". Aber nicht nur Angehörige der besseren Gesellschaft gehören zu ihren Klienten. Menschen aus allen sozialen Schichten suchen ihren Rat, sofern sie sich ihn irgendwie leisten können, denn die Lenormand ist nicht nur eine herausragende Seherin, sondern auch eine hervorragende Geschäftsfrau. Sie lässt sich ihre Dienste gut bezahlen. Mit Joséphine verbindet sie bis zu deren Tod ein freundschaftliches Verhältnis. Zwangsläufig bleibt sie so auch Napoleon im Gedächtnis, der nach wie vor nicht von ihr begeistert ist. Angeblich sollen einige Prophezeihungen über Napoleon, von denen dieser über seine Frau hörte, dazu geführt haben, dass sie noch zwei weitere Male verhaftet wurde. In den Jahren 1803 und 1809 kam sie unter der Anklage des Hochverrats ins Gefängnis. Sie soll auf seherischem Wege von Staatsgeheimnissen Kenntnis erlangt haben. Allerdings scheinen beide Anklagen nicht wirklich ernsthaft verfolgt worden zu sein, worauf die relativ kurzen Gefängnisaufenthalte hinweisen.

In den folgenden Jahren steigert sich der Ruhm der Marie-Anne Lenormand immer mehr. Sie verdient viel Geld, kann sich in Paris ein Stadthaus leisten, sowie ein Haus auf dem Land. Ihre "Geschäftsadresse" bleibt aber die Rue de Tournon. Marie-Anne ist die Versorgerin ihrer Verwandschaft, hat aber selbst nie geheiratet und keine eigenen Familie, möglicherweise ein wohlüberlegter Verzicht. Die Lenormand mag keine große Schönheit gewesen sein. Sie war dick und aß und trank gerne. Aber sie war keinesfalls hässlich. Hinzu kam ihr beachtliches Vermögen. Es dürfte durchaus den einen oder anderen Bewerber gegeben haben. Doch im 18. und 19. Jahrhundert hätte eine Heirat bedeutet, dass ihr gesamtes Vermögen in den Besitz ihres Ehemannes übergegangen wäre und dass sie diesem in allem hätte gehorchen müssen. Ein Ehemann hätte ihr beispielsweise das Kartenlegen ganz einfach verbieten können. Die Lenormand zog es vor, auf die zweifelhaften Freuden männlicher Unterdrückung zu verzichten. Sie ist sehr belesen, schreibt selbst, und ist politisch ausgesprochen interessiert. Nach wie vor nimmt sie diesbezüglich kein Blatt vor den Mund und nach wie vor bringt ihr das immer wieder Schwierigkeiten ein.

Mit Napoleons Nachfolger, Ludwig XVIII. kommt sie zunächst recht gut aus. Dann prophezeit sie dem Herzog de Berry, dem Thronerben und Neffen des Königs große Gefahr. Am 14.02.1820 wird der Thronerbe ermordet, was eine Änderung der Haltung Ludwig XVIII. zur Folge hat. Der bis dahin eher joviale Monarch wandelt sich zu einem reaktionären Despoten. Es kommt zu politischen Verfolgungen und viele Verfolgte fliehen nach Brüssel. Auch die Lenormand reist nach Brüssel. Es ist aber nicht sicher, ob sie ebenfalls zu den politisch Verfolgten zählte oder aus einem anderen Grund in die belgische Hauptstadt reiste. Auch in Belgien, welches vom Wiener Kongress den Niederlanden zugesprochen wurde und unter der Herrschaft des unbeliebten Königs Wilhelms I. stöhnte, brodelte es. Wahrscheinlich hat die Lenormand, die inzwischen international bekannt war, auch hier kein Blatt vor den Mund genommen. Sie wird unter der Anklage der Spionage und Beteiligung an einem staatsfeindlichen Komplott verhaftet. Auch während der Gerichtsverhandlung legt sich Marie-Anne keinerlei Zurückhaltung auf. Sie wird schuldig gesprochen, legt mehrfach Berufung ein, die aber immer abgewiesen wird. Aus dieser Zeit stammt das einzige Bild von ihr, welches sie in Gefangenschaft zeigt. Erst, als einige ihrer Anhänger die öffentliche Anteilnahme aufheizen, kommt es zu einem neuen Prozess. Diesmal lautet die Anklage "nur" auf Hexerei. Zwar wird sie schuldig gesprochen, aber trotzdem frei gelassen. Doch es stand auf des Messers Schneide.

Nach dem Tod Ludwig XVIII. kommt dessen Bruder Charles als Charles X. auf den französischen Thron. Er regiert tyrannisch und reaktionär. Mit diesem König will die überzeugte Royalistin Lenormand nichts mehr zu tun haben. 1830 beendet die Julirevolution die Herrschaft des letzten Bourbonenkönigs von Frankreich. Im selben Jahr beginnt Marie-Anne, sich ins Privatleben zurückzuziehen. Sie ist jetzt 58 Jahre alt. Ganz kann sie sich aus dem politischen Geschehen jedoch nicht heraushalten. Sie schreibt ein Buch über den neuen König Louis-Philippe aus dem Hause Orléans und in einem Brief an ihn fordert sie u.a. die Abschaffung der Todesstrafe. Wieder kommt es zu Verhören und einer Hausdurchsuchung. Marie-Anne bleibt davon jedoch unbeeindruckt. Sie genießt ihren Reichtum. Die Karten legt sie nur noch für Freunde und für sich selbst. Am 25. Juni 1843 stirbt sie durch den Fehler eines Arztes, so wie sie es einstmals selbst vorausgesagt hatte. Am Tag ihrer Beisetzung in Paris findet sich eine große Menschenmenge ein, um ihr die letzte Ehre zu erweisen. Zu den Trauergästen zählen auch der französische Außenminister und der Dichter Victor Hugo. Beigesetzt wird sie auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise.

Marie Anne Lenormand zählte zweifellos zu den großen Seherinnen, die wohl tatsächlich so etwas, wie die Gabe des zweiten Gesichts hatte. Selbst hartnäckige Kritiker und Gegner mussten zugeben, dass zumindest ein Teil ihrer Prophezeihungen unmöglich auf irgendwelche Tricks zurückzuführen sein konnten. Nicht alle ihre Vorhersagen sind hundertprozentig eingetroffen. Es finden sich einige Abweichungen, die aber den Kern der Aussage nicht verändern, von ihren Kritikern jedoch gerne gegen sie ins Feld geführt werden. Beispielsweise soll sie für 1915 einen Krieg vorausgesagt haben. Gemeint war wohl der erste Weltkrieg, der aber schon Ende Juli 1914 begann (wie kann man sich nur so irren). Für Paris soll sie eine Pestepidemie vorhergesagt haben. Was dann kam war eine Choleraepidemie (völlig daneben, klar). Auch die Prophezeihung über Marat, der nicht im darauffolgenden Jahr, sondern noch im selben Jahr umgebracht wurde, wird gerne angeführt, um nachzuweisen, dass die Lenormand im Grunde genommen keine wirklich zutreffenden Vorhersagen machen konnte. Bei soviel Fehlsicht verblassen die Voraussagen über Robespierre und Saint-Just, sowie die vielen Prophezeihungen, die zu 100% eintrafen, geradezu. Sehr gerne wird auch immer wieder zitiert, dass Marie-Anne vorausgesagt haben soll, sie werde 172 Jahre alt, dann aber nur 72 Jahre alt geworden ist. Das diese Aussage wohl eher wie ein Scherz zu verstehen war, liegt eigentlich auf der Hand. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine derart aufgeklärte, politisch interessierte und engagierte Frau, die mit Sicherheit mit beiden Beinen auf dem Boden stand, allen Ernstes angenommen haben könne, sie werde 172 Jahre alt, erscheint doch ziemlich gering.

Die Lenormand war schon zu Lebzeiten umstritten. Dazu dürften nicht nur ihre Tätigkeit und ihre politischen Ansichten beigetragen haben, sondern auch die Tatsache, wie sie lebte. Eine selbstständige, unverheiratete Frau, die es aus eigener Kraft zu Ruhm und Reichtum brachte, Bücher schrieb und die Konfrontation mit den Mächtigen nicht scheute, war für die damalige Zeit so ungewöhnlich, dass sie allein dadurch schon suspekt erscheinen musste. Hinzu kommt ihre Geschäftstüchtigkeit. Sie verstand es sehr genau, sich in Szene zusetzen und es gilt als sicher, dass sie an ihrer eigenen Legende kräftig mitgewoben hat. Klappern gehört schließlich zum Handwerk. An ihren seherischen Fähigkeiten ändert das jedoch nichts. Ohne diese Fähigkeiten hätte ihr die beste Eigenvermarktung nicht viel genützt.

Ein nicht unerhebliches Argument ihrer Gegner bezieht sich häufig auf ihre politischen Vorhersagen. Oft werden die Beziehungen der Lenormand zu den maßgeblichen Persönlichkeiten des politischen Lebens dafür angeführt, dass sie viele ihrer Prophezeihungen recht einfach aufgrund ihres Insiderwissens treffen konnte. So zeigt z.B. die von ihr geschriebene Biografie der Kaiserin Joséphine, dass Marie-Anne über so einige Vorgänge hinter den Kulissen recht gut informiert gewesen sein muss. Diese Kenntnisse könnten ihr durchaus zu präziseren Vorhersagen verholfen haben, erklären aber nicht ihre Prophezeihungen die vor und nach dieser Zeit liegen und die nicht weniger zutreffend waren, wie z.B. diejenigen über Robespierre und Saint-Just. Sie erklären auch nicht die Episode, welche sich bei Eckhard Graf, dem man wohl kaum einen Hang zu Mystifizierungen nachsagen kann, in seinem Buch "Die Magier des Tarot" findet. Hierbei handelt es sich um einen der Augenzeugenberichte von Klienten der Lenormand, die, wie Graf angibt, "nachdenklich machen können". Karl August Freiherr von Malchus, ein hoher preußischer Beamter, der als nüchterner und verstandesbetonter Mensch galt, hielt sich von 1810 - 1814 mehrfach in Paris auf, wo er sozusagen zwangsläufig auch von der berühmten Mlle Lenormand hörte. Gründlich, wie er war, beschloss er sich selbst ein Bild zu machen und suchte die Seherin persönlich als ganz normaler Klient auf. Sein Bericht gibt einen der ganz wenigen Einblicke in den Ablauf einer Konsultation bei Marie-Anne Lenormand. So gibt er an, dass sie mit vierzehn verschiedenen Kartendecks arbeitete, von denen einige mit astrologischen Symbolen und nekromantischen Figuren, vermutlich von ihr selbst versehen worden waren. Darüber hinaus zog sie die Handlinien zu Rate. Sie soll sich sehr viel Zeit beim Betrachten der ausgelegten Karten gelassen haben. Ihre Deutungen sollen dann aber so schnell und fließend gekommen sein, als ob sie in den Karten wie in einem Buch gelesen hätte. Sehr erstaunt war der Freiherr, als Marie-Anne ihm aus seiner Vergangenheit erzählte und dabei Ereignisse erwähnte, die er selbst fast völlig vergessen hatte und die "in meinem Vaterland wahrscheinlich niemand mehr und in Paris sicherlich kein Mensch wusste". Von Malchus wurde es nach eigenen Angaben geradezu gruselig bei der Genauigkeit ihrer Aussagen über seine Vergangenheit. Auch die Aussagen über die Gegenwart sind in allen Punkten zutreffend. Bei den Aussagen über die Zukunft scheint sie sich teilweise rätselhaft, sozusagen "pythiaartig", teilweise aber recht bestimmt ausgedrückt zu haben und, wie von Malchus später angibt, "es ist wahr geworden". Der Freiherr gibt sogar die Voraussagen im Einzelnen an und berichtet von jeder, was daraus geworden ist. Sein Bericht macht es völlig unwahrscheinlich, dass die Lenormand sich irgendeiner Art von Trick oder eines so ungenauen verbalen Ausdrucks bedient haben könnte, dass man alles mögliche hätte hinein interpretieren können. Auch die Aussagen über von Malchus' Vergangenheit können ihr unmöglich von einem Informanten zuvor zugetragen worden sein. Dazu hätte dieser an den Ort der Kindheit des Freiherrn reisen müssen, ein Unterfangen, welches allein zeitlich unmöglich zu bewerkstelligen gewesen wäre. Zur Erinnerung: zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es weder Flugzeuge, noch Autos oder Züge, weder Telefon noch Fax oder Telegrafen. Der hypothetische Informant hätte die Postkutsche nehmen müssen und wäre wochenlang unterwegs gewesen, ganz zu schweigen von den Recherchearbeiten. Außerdem wäre die Reise wohl vergeblich verlaufen, schließlich sagte von Malchus selbst, dass sich vermutlich niemand mehr an die von der Lenormand geschilderten Ereignisse erinnern würde.

Von Malchus' Bericht enthält eine der wenigen Erwähnungen über das Arbeitsmaterial der Lenormand. Wir erfahren hier, dass sie mit vierzehn verschiedenen Kartendecks arbeitete, darunter Tarotkarten, aber auch einfache Spielkarten und Karten, die sie wohl selbst mit Symbolen versehen hatte. Darüber hinaus bezog sie die Chiromantie, die Astrologie, die Numerologie, und die Geomantie mit ein. Die heute nach ihr benannten Lenormand-Karten, auch die Astro-Mythologischen Lenormand-Karten waren aber mit Sicherheit nicht darunter. Diese Karten erschienen erst nach ihrem Tod. Während verschiedentlich angenommen wird, dass sie die Astro-Mythologischen Lenormand-Karten, auch große Lenormand-Karten genannt, zumindest noch selbst entworfen haben könnte, kann man das für die kleinen Lenormand-Karten ausschließen. Diese Karten, die heute so eng mit der Lenormand verbunden werden, hat sie selbst nie gesehen, geschweige denn entworfen. Es dürfte aber nicht schwer fallen, sich vorzustellen, dass Marie-Anne diese Karten mit Sicherheit verwendet haben würde, wenn es sie zu ihrer Zeit schon gegeben hätte. Das Beispiel der Sibylle von Paris zeigt aber auch, dass es gar nicht so entscheidend ist, welche Karten man verwendet. Entscheidend ist die Symbolik, die man darin sieht und die Kombinationen der einzelnen Elemente. Und genau das macht das Wesen der kleinen Lenormand-Karten aus.

Anmerkung: Ein neuere Lenormand-Biografie kann man in meinem Lenormand-Buch (Bibliothek der Orakel - Lenormand) nachlesen.

Quellenangaben:
Bild: die junge Mlle Lenormand, Wikipedia Commons, permission = "by age"
Anne Biwer, Das große Lenormand Wahrsagebuch
Geschichte der Stadt Alençon, alencon-histoire.chez-alice.fr
Eckhard Graf, Die Magier des Tarot

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