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Pamela Colman Smith (1878 - 1951)

Als der Amerikaner Charles Smith im Jahre 1870 seine Landsmännin Corinne Colman heiratete war er 24 und sie 34 Jahre alt. Acht Jahre später, am 16. Februar 1878 kam ihre Tochter Corinne Pamela Colman Smith in London zur Welt. Es sollte ihr einziges Kind bleiben. Schon früh kam Pamela mit dem Theater und der Kunstszene in Berührung. Beide Eltern waren begeisterte Anhänger des Theaters. Ihr Vater war mit dem berühmten Schauspieler William Gillette, dem ersten Darsteller des Sherlock Holmes, verwandt und in der Familie ihrer Mutter gab es einige bekannte Maler. Die ersten zehn Jahre ihres Lebens verbrachte Pamela in Manchester, wo ihr Vater eine Polsterfabrik betrieb. Manchester war damals ein Zentrum des Spiritualismus und es ist anzunehmen, dass die kleine Pamela schon früh damit in Berührung gekommen ist, denn ihre Mutter stand dieser Szene recht nahe. 1889 zog die Familie nach Jamaika, wo ihr Vater im Eisenbahnbau tätig war.

1893 zog Pamela mit ihrem Vater nach New York, wo sie das Pratt Insitute in Brooklyn, eine der führenden privaten Kunstschulen in den USA, besuchte. Dort war sie Schülerin von Arthur Wesley Dow, einem amerikanischen Maler und Kunsterzieher, der für die damalige Zeit einige ungewöhnliche Ansichten vertrat. So war er z.B. der Überzeugung, Bilder dürften nicht nur einfach das wiedergeben, was der Maler sieht, sondern sollten vielmehr, wie Musik, eine Komposition der verschiedensten Eindrücke sein, die mit Hilfe von Farben und Formen auf die Leinwand gebracht werden. Er lehrte von der spirituellen Seite der Kunst, vom Hören der Farben, Sehen des Klangs und Riechen der Musik. Sein Einfluss sollte sich in Pamelas Bildern Zeit ihres Lebens bemerkbar machen.

Pamela besuchte den Unterricht am Pratt Institute nicht regelmäßig. Sie war häufig krank und so kam es, dass sie die Schule schließlich 1897 ohne Abschluss verließ. Im selben Jahr wurden zum ersten Mal Bilder von ihr in der William Macbeth's Gallery ausgestellt. Auf Anhieb verkaufte sie vier Bilder.

1899 schien Pamelas erfolgreichstes Jahr zu werden. Sie veröffentlichte drei eigene Bücher und illustrierte ein viertes mit ihren Bildern und sie ging mit der Lyceum Company, dem Ensemble des berühmten Londoner Lyceum Theaters auf Tournee. Dann starb im Dezember 1899 ihr Vater. Nachdem ihre Mutter bereits 1896 gestorben war, stand Pamela nun ziemlich allein da. So blieb sie bei der Lyceum Company, kehrte mit ihr nach England zurück und schloss sich eng an Ellen Terry an, die ebenfalls zum Ensemble gehörte und die höchst bezahlte Schauspielerin der damaligen Zeit war. Eine zeitlang lebte Pamela sogar bei ihr und mit Terry's Tochter Edith Craig schloss sie eine lebenslange Freundschaft.

Ellen Terry (1847 - 1928) war nicht die einzige Berühmtheit des Lyceum Theaters. Henry Irving (1838 - 1905) war der bedeutenste Shakespeare-Darsteller seiner Zeit und der erste Schauspieler, der in den Adelsstand erhoben wurde. Er war Mitglied in dem bis heute bestehenden berühmten Garrick-Club, zu dessen Mitgliedern u.a. auch Charles Dickens (Oliver Twist, David Copperfield) und William Makepeace Thackeray (Jahrmarkt der Eitelkeiten) gehörten. Manager des Lyceum Theaters war ein gewisser Bram Stoker (1847 - 1912), dessen Dracula bis heute zu den meist gelesenen Büchern gehört. Sein Roman "Lair of the White Worm" wurde von Pamela Colman Smith illustriert.

In dieser illustren Gesellschaft schien Pamela's Karriere eigentlich vorbestimmt. Sie hatte sich als Schriftstellerin und Künstlerin einen gewissen Namen gemacht und bewegte sich in der Kunstszene und den literarischen Zirkeln Londons. Dort traf sie auf den Dichter William Butler Yeats. 1903 illustrierte sie einige seiner Arbeiten. Yeats war es dann auch, der sie in den Hermetic Order of the Golden Dawn (Hermetischen Orden der Goldenen Morgendämmerung) einführte.

Pamela gehörte zu den Menschen, die man heute als Synästhetiker bezeichnet. Unter Synästhesie versteht man die Kopplung von Wahrnehmungen, die physikalisch getrennt sind. Dazu gehört z.B. das sogenannte Farbenhören, d.h. es wird ein Ton gehört und gleichzeitig eine bestimmte Farbe gesehen. Bei einer kompletten Melodie können ganze Bilder vor dem inneren Auge erscheinen oder es entsteht eine Art Farbenfeuerwerk, was von den Betroffenen aber nicht immer als angenehm empfunden wird. Diese Empfindung ist jedoch nicht umkehrbar, d.h. das Sehen einer Farbe führt nicht zum hören eines bestimtmen Tones. Synästhesien sind individuell verschieden. Sie können auch als Folge einer Einnahme von Hallozinogenen vorübergehend auftreten. Bei echten Synästhetikern sind sie jedoch von Geburt an vorhanden und nicht von der Einnahme irgendwelcher Stoffe oder Hilfsmittel abhängig. Stark ausgeprägte echte Synästhesien können in Familien gehäuft auftreten und scheinen daher vererblich zu sein. Heute ist die Synästhesie Gegenstand der Forschung und gilt als physiologische Normvariante. Anfang des 20. Jahrhunderts galten Synesthäsien aber noch als besondere Fähigkeiten. Pamela verfügte also über eine Fähigkeit, mit der sie sich von anderen unterschied. Hinzu kam ihre künstlerische Begabung. So war es eigentlich kein Wunder, dass Arthur Edward Waite sich Jahre später für die Verwirklichung seines Tarots an Pamela wandte.

Als der ursprüngliche Golden Dawn 1903 auseinanderbrach und Waite den Order of Independent and Rectified Rite gründete, folgte ihm Pamela zusammen mit vielen weiteren Mitgliedern des Golden Dawn. Im selben Jahr wurden ihre Bilder in der John Baillie's Gallery in London ausgestellt. 1904 entwirft sie zusammen mit Edith Craig das Bühnenbild für Yeats' Stück "Where There is Nothing". 1905 kehrt Pamela in die USA zurück. Dort wendet sie sich Ende 1906 an den berühmten Fotografen Alfred Stieglitz, der 1902 in New York seine erste Galerie eröffnet und sich darüber hinaus als Kunst-Mäzen einen Namen gemacht hatte. Pamela hat Glück. Stieglitz ist von ihren Bildern beeindruckt. Außerdem hatte er zu diesem Zeitpunkt Probleme mit dem Zustandekommen einer Rodin-Ausstellung und so erklärte er sich bereit, Pamelas Bilder auszustellen. Die Ausstellung wird ein Erfolg und Pamela kann mehrere Bilder verkaufen. Noch zwei weitere Male, 1908 und 1909, werden ihre Bilder in Stieglitz' Galerie ausgestellt, doch der Erfolg der ersten Ausstellung wiederholt sich leider nicht. Pamela kehrt nach England zurück. Irgendwann in dieser Zeit muss sie ihr berühmtestes Werk, die Bilder für die Karten des später Rider-Waite genannten Tarots, begonnen haben. Jedenfalls schreibt sie im November 1909 einen Brief an Stieglitz, in dem sie mitteilt, dass sie die Arbeit an 80 Bildern für ein Tarotdeck fertiggestellt, dafür aber sehr wenig Geld bekommen hat. Sie lässt durchblicken, dass sie Geld braucht und bietet Stieglitz die Original-Tarotbilder an, damit er sie über seine Galerie verkaufe. Doch Stieglitz scheint nicht reagiert zu haben. Auffällig ist, dass Pamela hier von 80 Bildern spricht. Ein Tarotdeck besteht aber nur aus 78 Karten. Es ist bis heute rätselhaft geblieben, um was für Bilder es sich bei den beiden überzähligen handelte. Stuart R. Kaplan bemerkt dazu in seiner Tarot-Enzykolpädie, dass Tarotkarten immer in einem Bogen von 80 Karten für den Druck ausgelegt werden und dass es sich daher bei den beiden zusätzlichen Bildern um eine Deckkarte und eine Karte mit Hinweisen auf weitere Produkte des Verlegers, wie sie ja auch heute den Tarotdecks häufig beiliegen, gehandelt haben könne. Pamela spricht aber ausdrücklich von Bildern, die sie gemalt hat. Eine Produktinformationskarte des Verlegers ist aber kein Bild, bestenfalls bei der Deckkarte könnte es sich um ein zusätzliches Bild handeln. Möglicherweise haben aber auch von zwei Karten des Rider Waite Tarots ursprünglich alternative Versionen existiert, wie es ja beispielsweise auch beim Crowley Tarot der Fall ist.

Das Tarotdeck wird im Dezember 1909 vom Verlag Rider & Sohn als "Tarot Deck" ohne einen speziellen Namen veröffentlicht. Damals war es ganz einfach nicht üblich, den Namen des Künstlers anzugeben oder diesen an den Einnahmen in Form von Tantiemen zu beteiligen. Lediglich in einigen Werbeanzeigen wird Pamela namentlich erwähnt. Der Künstler machte seine Arbeit, bekam dafür ein Honorar und das war's. Erst später wurde dieses Tarot dann als "Rider Waite Tarot" bezeichnet, nach dem Namen des Verlegers und des Autors. Heute kommt uns das sehr ungerecht vor, insbesondere, da bekannt ist, dass Pamela, nach ihrer eigenen Aussage, für ihre Arbeit nur wenig Geld bekommen hat und im Alter völlig verarmt war, obwohl sie das berühmteste Tarot der Welt geschaffen hatte. 1909 war das aber noch nicht abzusehen. Pamela hatte ihr Honorar bekommen und damit war, nach der damals üblichen Vorgehensweise, ihre Arbeit bezahlt. Lady Frieda Harris, der Künstlerin, die das heute als Crowley Tarot oder Thoth Tarot bekannte Tarot geschaffen hat, ist es noch Jahre später ähnlich ergangen.

Es herrscht heute Uneinigkeit darüber, ob Pamela Colman Smith die Karten ausschließlich nach Waites Anweisungen malte, oder ob Waite nur die Art der Darstellungen umrissen, ihr aber ansonsten weitgehend freie Hand gelassen hat. Folgt man Waites eigenen Angaben hierzu, so war Pamela nur die ausführende Künstlerin, da sie zu wenig Einsicht in die tiefere Bedeutung der Tarotsymbolik besaß, um eigenständig über die Darstellungen zu entscheiden. Allerdings wird die Tatsache, dass sie jede Karte, bis auf den Narren, mit ihren Initialen signiert hat, manchmal dahingehend gedeutet, dass der Narr die einzige Karte ist, bei dessen Darstellung sich Waite und Colman Smith uneinig waren. Das wiederum würde bedeuten, dass Pamela durchaus über die entsprechenden Kenntnisse verfügte und eine eigene Auffassung vertrat. Hinzu kommt, dass einige Darstellungen auf den Zahlenkarten der Kleinen Arkana ganz eindeutig von dem historischen Sola Busca Tarot inspiriert sind. Das Sola Busca Tarot aus dem späten 15. Jahrhundert war das bis dahin einzige Tarot, bei dem alle Karten voll bebildert waren. Ob Waite nun Pamela Colman Smith angewiesen hat, dieses Tarot für die Zahlenkarten zum Vorbild zu nehmen oder ob Pamela das Sola Busca von sich aus als Inspiration verwendet hat, wissen wir nicht. Doch die Darstellungen auf den entsprechenden Zahlenkarten des Rider Waite Tarots können demnach nicht ausschließlich auf Waites Anweisungen beruhen.

In den folgenden Jahren hielt sich Pamela mit verschiedenen Aufträgen, hauptsächlich Buchillustrationen, über Wasser. 1911 wurde sie von Edith Craig zu den von ihr gegründeten Pioneer Players geholt. Im selben Jahr trat sie zum Katholizismus über, was nahe legt, dass sie aus dem Isis-Urania-Tempel ausgetreten ist. Während des ersten Weltkriegs engagierte sie sich für Wohltätigkeitsorganisationen. 1918 starb einer von Pamelas Onkeln und vermachte ihr etwas Geld. Sie pachtete ein Haus in der Künstlerkolonie The Lizard in Parc Garland, Cornwall. Dort unterhielt sie eine Weile ein Ferienheim für katholische Priester, gab dieses Unternehmen aber bald wieder auf. In Cornwall herrschten die Methodisten vor. Pamelas offen gelebter katholischer Glaube scheint sie mit der Zeit mehr und mehr von ihren Mitbürgern isoliert zu haben. Sie fuhr fort zu malen, Bücher zu illustrieren und zu schreiben, hatte aber nur mäßigen Erfolg. Zwar wurde ihre Arbeit von Experten immer wieder lobend erwähnt, doch der große Erfolg blieb leider aus. Dazu dürfte allerdings auch beigetragen haben, dass sie, wie aus ihrem Bekanntenkreis immer wieder verlautete, überhaupt keinen Geschäftssinn besaß. Obwohl sie unter der mangelnden Anerkennung und dem damit verbundenen ständigen Geldmangel litt, soll sie nie ihren Humor und ihre Liebenswürdigkeit verloren und nie aufgehört haben, an sich selbst zu glauben. Sie hat nicht geheiratet, blieb aber immer mit der Familie ihrer Freundin Edith Craig, der Tochter von Ellen Terry, verbunden. Irgendwann, vermutlich in den 30iger Jahren, zog Nora Lake, eine weitere Freundin bei Pamela in das Haus in Parc Garland ein. Die beiden blieben bis zu Pamelas Tod zusammen. Spätestens 1942 sind sie aber von Parc Garland nach Bude, ebenfalls in Cornwall, umgezogen. In den letzten Jahren ihres Lebens war Pamela oft bettlegerich. Sie litt vermutlich unter Herzproblemen. Doch sie soll sich nie beklagt haben. Ihre Inspiration bezog sie zeitlebens aus Märchen, Legenden, Mythen und ganz besonders aus der Musik. Ihr Leben lang sammelte sie symbolische Bilder. "Pixie", wie Pamela Colman Smith in ihrer Jugend von Ellen Terry liebevoll genannt wurde, starb am 18. September 1951 verarmt und verschuldet in Bude, Cornwall. Ihre wenige Habe vermachte sie Nora Lake. Die meisten ihrer Bilder sind heute verschwunden, darunter auch die Originale des Rider Waite Tarots. Einige wenige Bilder befinden sich im Besitz von Stuart R. Kaplan.

Quellenangaben:
Bild: Pamela Colman-Smith, ca. 1912, Stuart R. Kaplan, The Encyclopedia of Tarot, Vol. III, mit freundlicher Genehmigung
Stuart R. Kaplan, The Encyclopedia of Tarot, Vol. III
Holly Voley, Biography, based upon Melinda Boyd Parsons, Biography of Pamela Colman Smith

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