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Aleister Crowley (1875 - 1947)

Über keine Tarotpersönlichkeit ist wohl so viel geschrieben worden, wie über Aleister Crowley. Neben zahlreichen Berichten über den "verderbtesten Mann der Welt", die bereits zu seinen Lebzeiten die Seiten der Klatschpresse füllten, gibt es inzwischen mehrere Biographien, die sich mit dem Enfant Terrible der Magie auseinandersetzen. Außerdem war Aleister Crowley der Gegenstand von Filmen, Romanen und der Rockmusik. Für Crowleys Rolle in einem Film über sein Leben war der Rolling-Stones-Chef Mick Jagger vorgesehen, nachdem dieser zuvor bereits Musik für den Crowley-Film "Invocation of my Demon Brother" geschrieben hatte. Der berühmte Stones-Hit "Sympathy for the Devil" aus dem Stones-Album "Beggars Banquet", der sich Millionen mal verkaufte, wurde recht eindeutig von Crowley inspiriert. Und Mick Jagger ist nicht der einzige Crowley-Fan unter den Rockgrössen. Jimmy Page von der Gruppe Led Zeppelin besitzt nicht nur eine große Crowley-Sammlung, sondern hat auch Crowleys schottisches Anwesen Boleskine gekauft.

Die erste Biografie über Crowley schrieb übrigens Crowley selbst, wobei er seine Lebensbeschreibung nicht Autobiografie, sondern - typisch Crowley - Autohagiografie nannte. "Hagiografie" ist ein Begriff, mit dem man in der christlichen Kirche die Lebensbeschreibungen von Heiligen bezeichnet.

Die heute wohl bekannteste Crowley-Biografie ist Symonds’ Buch "The Great Beast" (Das große Tier). Der englische Schriftsteller John Symonds hatte Crowley ein Jahr vor dessen Tod persönlich kennen gelernt. Obwohl er Crowley eher negativ gegenüber stand – er bezeichnete ihn einmal als "bösen Kerl" -, ging Crowley's Nachlass nach seinem Tod teilweise in den Besitz von Symonds über (Haupterbe Crowleys' war jedoch Karl Germer, s.u.). 1951 erschien dann "The Great Beast" (Das große Tier), 1958 "The Magic of Aleister Crowley" (Die Magie des Aleister Crowley) und 1989 "The King of the Shadow Realm" (Der König des Schattenreichs). 1997 wurde eine Neuauflage von "The Great Beast" mit dem Titel "The Beast 666" (Das Tier 666) herausgebracht, die gegenüber der ursprünglichen Version um ein gutes Drittel mit Kapiteln aus "The Magic of Aleister Crowley“ erweitert wurde. Zwar bemühte sich Symonds, trotz seiner Vorbehalte gegenüber Crowley, so objektiv wie möglich zu schreiben, aber seine negative Einstellung zu dem Großen Tier konnte er nicht vollständig verbergen. Doch letztendlich war es seine Biografie, die aus Aleister Crowley so etwas, wie einen "Kulthelden“ gemacht hat, wie Symonds selbst einmal, nicht ohne Bitternis, bemerkte. Von den zahlreichen Büchern und Geschichten, die John Symonds während seines 92jährigen Lebens schrieb (er starb am 21. Oktober 2006), sind es vor allem seine Crowley-Bücher und hier insbesondere seine Crowley-Biografie, die ihm den nachhaltigsten Ruhm bescherten. Ironie der Geschichte – fast könnte man meinen, Crowley hätte hier posthum seine Hand im Spiel gehabt.

Zwei Dinge hatten Crowley und sein bekanntester Biograf gemeinsam: ein ausgeprägtes schriftstellerisches Talent und eine ziemlich miserable Kindheit. Während der 1914 unehelich geborene Symonds, der von seinem leiblichen Vater nie anerkannt wurde, in seiner Kindheit unter dem Makel eines fehlenden Vaters litt, war es bei Crowley eher die Anwesenheit des Vaters, die ihm eine unglückliche Kindheit bescherte.

Edward Alexander (Aleister) Crowley wurde am 12. Oktober 1875 in dem englischen Kurort Leamington Spa in Warwickshire geboren. Leamington Spa liegt nicht weit entfernt von Coventry und zählt heute zu den aufstrebenden Städten Englands, mit wachsender Einwohnerzahl und einem regen Nachtleben. Zur Zeit von Crowley’s Kindheit war Leamington ein etwas aus der Mode gekommener kleiner Kurort, der hauptsächlich von älteren Menschen und der wohlhabenden Mittelschicht aus Coventry bevölkert wurde. Zu letzterer zählten auch Crowley’s Eltern.

Crowleys Vater war Quäker und sehr religiös. Er schloss sich der von John Nelson Darby gegründeten Brüderbewegung an und gehörte zu den Plymouth Brüdern (Plymouth Brethren), die sich nach einem der ersten Zentren der Bewegung nannten. Bei der Brüderbewegung handelte es sich um eine freikirchliche Bewegung, der heute weltweit etwa eine Million Menschen angehören. Seit ihrer Gründung ist es im Laufe der Zeit immer wieder zu Streitigkeiten unter den Brüdern gekommen, was zur Bildung verschiedener Gruppierungen führte. Unter diesen ist die 1890 gegründete geschlossene Gemeinde der Raven-Brüder eine der extremsten, die sich durch eine ausgeprägte Intoleranz gegenüber Andersdenkenden hervortut. Die Raven-Brüder bezeichnen sich selbst manchmal auch als Plymouth-Brüder, nach eben jenen Plymouth-Brüdern, denen auch Crowleys Vater angehörte. Man kann daher davon ausgehen, das Crowleys Kindheit nicht gerade durch religiöse Toleranz, sonder weitaus eher durch eine elterliche Geisteshaltung geprägt war, die an religiösen Terror erinnert haben dürfte. Eine solche Kinderstube psychisch unbeschadet zu überstehen, ist so gut wie unmöglich und es sagt einiges über Crowleys innere Stärke aus, dass er es in diesem Elternhaus immer noch geschafft hat, eine Art geistigen Widerstand zu leisten. Seine Mutter verglich ihn gerne mit dem Großen Tier (Great Beast) aus der Apokalypse, dessen Zahl 666 sein soll (...Wer Verstand hat, der überlege die Zahl des Tieres, denn es ist eines Menschen Zahl, und seine Zahl ist sechshundertsechsundsechzig...). Crowley nahm die Anregung seiner Mutter gerne an, nannte sich später selbst das Große Tier 666 und machte seine Mutter auf diese Weise zur Mutter des Teufels.

Crowley’s Schulzeit war um nichts erfreulicher, als das Leben im Hause seiner Eltern. Im Alter von 8 Jahren wird er auf das Internat St. Leonards geschickt, das von Plymouth Brüdern geleitet wurde. Aufgrund der Denunziation eines Mitschülers – angeblich soll er sich im Hause seiner Eltern einmal betrunken haben – wird er zur Strafe einer regelrechten Isolationsfolter unterworfen, die insgesamt eineinhalb Semester andauert. Als er schließlich einen Nervenzusammenbruch erleidet, kommt der Psychoterror ans Licht und Crowley’s Onkel, der nach dem Tode seines Vaters die Vormundschaft für ihn übernommen hatte und selbst ein überzeugter Plymouth Bruder ist, nimmt den Neffen entsetzt von der Schule.

Crowley’s Vater stirbt, als Crowley gerade 11 Jahre alt ist. Er hinterlässt seinem einzigen Sohn ein beachtliches Vermögen, was diesen mit Erreichen seiner Volljährigkeit in die Lage versetzte, das Leben eines gut betuchten Lebemannes zu Führen. Nach einem medizinischen Vorstudium am King’s College in London studiert er Philosophie, Psychologie, Wirtschaftswissenschaften und schließlich klassische Philologie am Trinity College in Cambridge, schließt seine Studien jedoch nicht ab. Er ist außerdem ein begeisterter Bergsteiger und Schachspieler und – nicht zuletzt – auch ein begabter Schriftsteller und ambitionierter Maler. Einige seiner Bücher, die zu seinen Lebzeiten meist Ablehnung erfuhren, werden bis heute aufgelegt und gehören zu den Standardwerken der okkulten Literatur.

Bereits während seiner Zeit am Trinity College beginnt er, sich für Okkultismus und Magie zu interessieren. Zusammen mit seinem Zimmergenossen Allan Bennett liest er alles, was er zu diesen Themen bekommen kann, darunter auch A.E. Waite’s Buch "The Book of Black Magic and of Pacts“. Außerdem entdeckt der bisexuelle Crowley seine sado-masochistische Neigung und seine Vorliebe für das Unterdrückt werden durch eine dominante, möglichst bösartig veranlagte Frau, die er in seinen sexuellen Fantasien als "Scarlet Woman“ bezeichnet. Nun sind derartige sexuelle Veranlagungen im Grunde genommen ja nichts Besonderes. Es hat sie zu allen Zeiten gegeben. Im Fall von Crowley könnte das Verhältnis zu seiner Mutter jedoch ein übriges getan haben. Bemerkenswert ist allerdings, dass Crowley zu einer Zeit, in der Sexualität und insbesondere von der Norm abweichende Sexualität in der Öffentlichkeit noch weitgehend ein Tabuthema war, aus seinen Neigungen kein Hehl gemacht zu haben scheint.

1898 lernt Crowley in der Schweiz den Chemiker und Alchimisten Julian Baker kennen, der ihn später in London mit George Cecil Jones bekannt macht. Dieser wiederum stellt ihn noch im gleichen Jahr Samuel Liddell MacGregor Mathers, dem Leiter des Golden Dawn vor. Am 18. November tritt Crowley dem Orden bei. In der Folgezeit steigt er geradezu rasant in der Ordenshierarchie auf, was vielen Ordensmitgliedern aufgrund seiner Persönlichkeit und seines Auftretens überhaupt nicht gefällt.

1899 tritt Crowley auch noch dem Hexen-Coven von Old George Pickingill bei, einem damals über die Grenzen Englands hinaus bekannten Magier und Hexenmeister, der sich auch mit Satanismus beschäftigte. In diesem Coven soll er bis zum Zweiten Grad aufgestiegen sein, bevor er aufgrund seiner Haltung gegenüber Frauen, seiner unregelmäßigen Teilnahme an Ritualen und seiner sexuellen Perversion aus dem Orden geworfen wurde.

Währenddessen machte sich MacGregor Mathers, der inzwischen alleiniges Ordensoberhaupt war, im Golden Dawn mit seinem autoritären Führungsstil immer unbeliebter. Crowley hält jedoch unverbrüchlich zu seinem Ordensleiter und wird von diesem gegen den Willen der anderen Ordensmitglieder zum Adeptus Minor geweiht und in den Inneren Orden aufgenommen. Am 29. März wird Mathers schließlich in Abwesenheit als Ordensoberhaupt abgesetzt und auch Crowley wird nach dem Vorfall in der Blythe Road aus dem Orden geworfen. Der Golden Dawn existierte noch bis 1903, brach dann aber an Führungsstreitigkeiten und inhaltlichen Streitigkeiten endgültig auseinander. Drei Nachfolgeorden gingen aus ihm hervor: der von Mathers gegründete Orden Alpha et Omega und der von den führenden Ordensmitgliedern Felkin und Brodie-Innes gegründete Orden Stella Matutina, sowie der von A.E. Waite gegründete Order of Independent and Rectified Rite of the Golden Dawn, dem viele der Golden-Dawn-Mitglieder beitraten, unter ihnen auch Pamela Colman-Smith. In den ersten Jahren kooperierten der Independent and Rectified Rite und der Stella Matutina noch miteinander, trennten sich aber schließlich endgültig. Während der Orden von Waite bereits 1914 wieder aufgelöst wurde, war dem Stella Matutina eine weitaus längere Existenz beschieden. Im Jahre 1933 wurde Israel Regardie, der eine zeitlang Crowleys Sekräter gewesen war, in den Stella Matutina eingeweiht. Regardie gelangte später zu Ruhm, weil er die Ordensunterlagen veröffentlichte, um auf diese Weise die Ordensregeln- und Rituale, die von den Ordensmitgliedern seiner Meinung nach immer mehr vernachlässigt wurden, für die Nachwelt zu bewahren.

Crowley reiste derweil durch die Welt, immer auf der Suche, sein magisches Wissen zu erweitern. Am liebsten und häufigsten hielt er sich in London, Paris oder auf Boleskine, seinem Anwesen in Schottland auf. In Paris lernte er mehrere bedeutende Künstler kennen, u.a. auch W. Somerset Maugham (der Crowley später als Vorlage für die Figur des Schwarzmagiers in seinem Roman "The Magician" benutzte), Auguste Rodin und den damals bekannten Maler Sir Gerald Kelly. Letzterer stellte ihm 1903 während eines Aufenthaltes in Schottland seine Schwester Rose Kelly vor, die Crowley kurz darauf heiratete. 1904 reisten beide nach Ägypten, wo er im April während eines magischen Rituals Kontakt zu seinem Schutzgeist Aiwass fand, der ihm sein wohl berühmtestes Buch, das Buch des Gesetztes (Liber Al Vel Legis), diktiert haben soll. Aus diesem Buch stammt auch das berühmte Zitat: Do what thou wilt shall be the whole of the Law. Love is the Law, Love under Will” (Tue was du willst soll das ganze Gesetz sein. Liebe ist das Gesetz, willensbestimmte Liebe). Dieses eine Zitat bereitet Crowley faktisch bis heute Ärger, insbesondere da es meist aus dem Zusammenhang herausgerissen und nur mit "Tue was du willst.“ zitiert und dadurch häufig missverstanden wird.

Am 08. Oktober 1904 wurde Crowley in London in die "irreguläre" Freimaurerloge Nr. 343 der Großloge Grand Loge de France aufgenommen. Auch hier steigt er schnell auf. Bereits im darauffolgenden Monat wird er zum Freimaurergesellen befördert und erreicht im Dezember des gleichen Jahres den Meistergrad.

Crowley und Rose Kelly haben zusammen eine Tochter, die den Namen Nuit Ma Ahathoor Hecate Sappho Jezebel Lilith erhält, von den Eltern aber nur Lilith gerufen wird. Das Kind stirbt bereits 1906 auf der Rückreise von China nach England in Rangun an Typhus, wofür Crowley, der Rose auf dieser Reise nicht begleitete, seine Frau später völlig ungerechtfertigt verantwortlich machen sollte. Bei Lilith's Tod ist Rose bereits wieder schwanger und schenkt noch im selben Jahr einer zweiten Tochter, Lola Zaza, das Leben. Lola's Lebenslauf verliert sich später im Dunkel der Geschichte. 1909 lässt sich Crowley von Rose scheiden. Zu diesem Zeitpunkt hatte Rose bereits angefangen, zu trinken. Sie sollte nicht die einzige Frau in Crowley’s Leben bleiben. Viele weitere folgten ihr und einige von ihnen verfielen später, wie zuvor schon Rose, Alkohol und Drogen. Die engere Beziehung zum Großen Tier scheint ein Maß an psychischer Stabilität erfordert zu haben, dem nur wenige standhalten konnten.

Bereits 1907 hatte Crowley den Orden Astrum Argenteum gegründet. Die Jahre von 1907 bis 1920 waren geprägt von magischer Arbeit, Reisen und Aufenthalten in verschiedenen Ländern, insbesondere auch zusammen mit seinem Freund und Geliebten Victor Neuburg, sowie mehreren Buchveröffentlichungen, Streitigkeiten mit ehemaligen Freunden und Golden-Dawn-Mitlgliedern und Gerichtsprozessen. Einer dieser Prozesse trug 1910 erheblich zu Crowley's Berühmtheit bei. McGregor Mathers verklagte Crowley, weil dieser Rituale des Golden Dawn veröffentlicht hatte. Crowley gewinnt den Prozess, der allein schon aufgrund der Tatsache, dass magische Streitigkeiten vor Gericht verhandelt wurden, einiges Aufsehen erregte. Eine Folge von Crowleys gewachsenem Bekanntheitsgrad ist ein Besuch von Theodor Reuß, dem Oberhaupt des deutschen Ordens O.T.O. (Ordo Templi Orientis). Er weiht Crowley in den Orden ein und macht ihn 1912 zum Ordensleiter des englischen O.T.O.-Zweiges.

Während des ersten Weltkrieges betätigt sich Crowley in den USA als Redakteur für das prodeutsche Magazin "The Fatherland“ (Das Vaterland). Am 03. Juli 1915 ruft er vor der Freiheitsstatue in New York die Irische Republik aus und tut so, als würde er seinen britischen Pass vernichten. Diese Aktivitäten machten den inzwischen berüchtigten Crowley im heimischen England nicht gerade beliebter.

1918 lernt Crowley Leah Hirsig, seine wohl bekannteste Scarlet Woman kennen, die zum Zeitpunkt ihres ersten Zusammentreffens schwanger war. Der Vater des Kindes hatte sie sitzen gelassen. Mit Crowley zusammen hat sie später noch eine Tochter, Anne Leah, von Crowley Poupée genannt, die aber bereits 1921 in Thelema stirbt. Zum Zeitpunkt von Poupées Tod ist Leah bereits mit einem weiteren Kind von Crowley schwanger, erleidet aber einige Tage nach dem Tod ihrer Tochter eine Fehlgeburt.

1919 kehrt Crowley nach England zurück. Leah Hirsig macht sich auf den Weg in die Schweiz, um dort zusammen mit ihrem kleinen Sohn und dem Baby Poupée vorläufig bei ihrer Schwester zu leben. Auf der Überfahrt lernt sie Ninette Shumway, geb. Fraux, eine junge Witwe, kennen, die ebenfalls einen kleinen Sohn hat. Ninette wird später mit Leahs Einverständnis Crowleys Scarlet Woman Nr. 2.

1919 ist auch das Jahr, in dem Crowley, um sein Asthma zu bekämpfen, mit der Einnahme von Heroin beginnt. Zu diesem Zeitpunkt kann er aber bereits auf eine jahrelange Erfahrung mit verschiedenen Drogen zurückblicken. Man darf aber nicht vergessen, das die süchtig machende Gefahr der Bewusstsein verändernden Drogen damals noch nicht bekannt war. Viele der heute verbotenen Drogen wurden damals teilweise noch ganz legal von Ärzten verschrieben. Auch Crowley erhält sein erstes Heroin auf ärztliches Rezept. Natürlich bleibt es nicht aus, dass Crowley heroinabhängig wird. In späteren Jahren versucht er immer wieder teils mehr, teils weniger erfolgreich, jedoch mit erstaunlicher Selbstdisziplin und Willenskraft von der Sucht los zu kommen.

Ebenfalls im Jahre 1919 erbt Crowley, dessen väterliches Erbe inzwischen weitgehend aufgebraucht war, 3000 engl. Pfund. Diese Finanzspritze erlaubte es ihm, 1920 in Cefalù auf Sizilien, zusammen mit seinen beiden Scarlet Women und einigen Anhängern die Abtei Thelema zu gründen. Glaubt man seinem Biografen Symonds, so achtete Crowley zwar streng auf die Einhaltung der thelemitischen Gesetze und Rituale, schien sich aber um die hygienischen Verhältnisse in der Abtei nicht sonderlich zu kümmern. Die 3000 engl. Pfund, die er 1919 geerbt hatte, waren auch schnell verbraucht, so dass die Abtei in finanzielle Schwierigkeiten geriet und sich nur durch Geldzuwendungen von Anhängern und Crowley-Bewunderern über Wasser halten konnte.

1921 wird Crowley von Theodor Reuß, aufgrund seines schlechten Rufes aus dem O.T.O., der bis dahin von Crowley's - wenn auch negativer - Popularität profitiert hatte, ausgeschlossen. Daraufhin zerbricht der O.T.O. in verschiedene Teilorden (u.a. die Pansophische Gesellschaft, die Fraternitas Saturnis und die Fraternitas Rosicruciana Antiqua). Offizieller Nachfolger wird aber der heute als Caliphats-O.T.O. bekannte Orden, zu dessen weltweitem Oberhaupt Crowley bereits 1922 berufen wurde. Allerdings gibt es von dieser Geschichte noch eine zweite Version, die besagt, dass es Reuß selber war, der Crowley zum Oberhaupt des O.T.O machen wollte und dass sich der Orden nur deshalb in Teilorden zersplitterte, weil einige Mitglieder keinen Engländer an der Spitze des im Ursprung deutschen O.T.O. sehen wollten.

Crowley verbrachte nicht seine gesamte Zeit in Thelema, sondern unternahm hin und wieder Reisen auf denen er bei Gönnern versuchte, Geld zu beschaffen, sich mit Verlegern in Sachen Buchveröffentlichung traf, sich um die Angelegenheiten des Argenteum Astrum kümmerte und immer wieder Schlagzeilen in der Presse machte. Hin und wieder erhielt er in Thelema auch Besuch von Anhängern. Einer dieser Besuche sollte ihm zum Verhängnis werden.

Raoul Loveday, ein aufstrebender Oxford-Student heiratete 1922 das bekannte englische Modell Betty May. Im selben Jahr lernte er Crowley kennen, der sich gerade in London aufhielt, und wurde zu dessen glühendem Bewunderer. Auf Crowley's Einladung hin folgte er ihm nach Thelema und traf Ende November 1922 dort ein. Einige Wochen später wurden sowohl Crowley, als auch Raoul krank. Beide litten vermutlich an einer Entzündung der Leber und der Milz, wobei Raoul wesentlich mehr unter der Krankheit litt, als der robustere Crowley. Als es Raoul zusehends schlechter ging, zog Crowley Raouls Horoskop zu Rate und prophezeite daraufhin, dass dieser am 16. Februar um vier Uhr sterben würde. Diese Prophezeihung traf ein. Raoul Loveday verstarb am 16. Februar 1923 gegen vier Uhr, vermutlich an Herzversagen. Sein Tod löste eine erneute Pressekampagne gegen Crowley aus, den die britische Zeitung Sunday Express mit der Schlagzeile "Neue finstere Enthüllungen über Aleister Crowley" eröffnete. Die Folge davon war, dass Crowley aus Italien ausgewiesen wurde.

In der Zeit nach seiner Ausweisung hielt sich Crowley zuerst in Tunis und später in Deutschland auf. Dort konnte er als Oberhaupt des O.T.O. Unterstützung von Ordensmitglieder erwarten. Schließlich ließ er sich für einige Zeit in Frankreich nieder, wo er nicht nur auf Israel Regardie traf und diesen für einige Jahre zu seinem Sekretär machte, sondern auch Frank Harris und seine Frau Frieda kennenlernte, die zwanzig Jahre später unter Crowley's Anweisung die Bilder seines berühmten Thoth-Tarots malen sollte.

1924 lernt Crowley in Paris die Amerikanerin Dorothy Olsen kennen, was dazu führt, dass er Leah verlässt. Dorothy wird seine neue Scarlet Woman. Leah, völlig verarmt und kränkelnd bleibt in Paris zurück. Später kommt sie für einige Zeit in Deutschland bei Ordensmitgliedern des O.T.O. unter. Besonders Martha Küntzel, eine Crowleyverehrerin und O.T.O.-Obere, die auch mit Helena Blavatsky, der Gründerin der Theosophischen Gesellschaft befreundet war, kümmert sich um sie. Viel ist über diese Zeit von Leah nicht bekannt. Ihr treuester Freund war in dieser Zeit der Mathematik-Professor Norman Mudd, der sie liebte, wobei es aber nie zu einer sexuellen Beziehung gekommen zu sein scheint. Mudd war einst ebenfalls ein glühender Anhänger Crowleys' gewesen, hatte sich aber schließlich tief enttäuscht von diesem abgewandt. Er starb am 6. Mai 1934, völlig verarmt in London durch Selbstmord. Leah Hirsig kehrte irgendwann in den dreißiger Jahren in die USA zurück, konvertierte zum Katholizismus und nahm ihren Beruf als Lehrerin wieder auf. Sie starb 1951.

Crowleys Liäson mit Dorothy Olson, die, wie schon einst Leah Hirsig, ebenfalls eine Fehlgeburt mit einem Kind von Crowley erlitt, währte nicht lange. Ihr folgten in den nächsten Jahren noch mehrere Scarlet Women. Nachdem er 1929 auch aus Frankreich ausgewiesen wurde, lernte er Maria Ferrari de Miramar kennen, die er später in Leipzig heiratete. Doch auch sie war nicht die letzte Frau in Crowleys Leben. Bereits 1930 wurde sie in Berlin durch Hanni Jaeger ersetzt. Ihr folgte eine nicht näher bekannte Frau namens Pola und schließlich 1931 Bertha Busch, die er in Berlin bei einem Spaziergang Unter den Linden kennenlernte. Und auch sie war nicht die letzte.

Crowley widmet sich in diesen Jahren nicht nur seiner magischen Arbeit, sondern auch der Malerei und seiner schriftstellerischen Tätigkeit Aufgrund seines schlechten Rufes hat er aber Schwierigkeiten, Verleger für seine Bücher zu finden. 1930 stellt er 23 seiner Bilder und Zeichnungen in der Galerie Porza in Berlin aus.

Inzwischen hatten die Nazis in Deutschland ihren unheilvollen Siegeszug angetreten. Bis heute wird Crowley vorgeworfen, er hätte mit den Nazis sympathisiert. Bereits im ersten Weltkrieg hatte Crowley durch seine pro-deutschen Aktivitäten in den USA unliebsam auf sich aufmerksam gemacht. Es ist jedoch fraglich ob dieses Engagement des wohl eher unpolitischen Crowely aus politischer Überzeugung geschah oder einfach nur, weil er - was ihm wesentlich ähnlicher sehen würde - mal wieder eine gute Gelegenheit gesehen hatte sich gegen die Gesellschaft zu stellen und den Teufel zu spielen. "Protestsatanismus" nennt sein Biograf Ralph Tegtmeier diese Haltung, die ihm bereits in Kindertagen in seinem extrem bigotten Elternhaus geholfen hatte, geistig zu überleben.

Es gibt einige Anzeichen dafür, dass Crowley den Nazis zuerst einmal positiv gegenüber stand. Es ist aber kaum anzunehmen, dass der politisch wenig versierte Crowley in der Lage war, den wahren Charakter und die Absichten der Nazis zu durchschauen, eine Aufgabe an der selbst einige erfahrene Politiker seiner Zeit gescheitert sind. Viel wahrscheinlicher ist es dagegen, dass Crowley sich von dem pseudo-paganistischen Germanen-Gebaren beeindrucken ließ, welches so recht nach seinem Geschmack gewesen sein dürfte. Allerdings ist es nur schwer vorstellbar, dass Crowley der extrem brutale Antisemitismus nicht aufgefallen sein soll und dass der Kabbalist Crowley, der sich selbst für eine Reinkarnation des vom jüdischen Mystizismus faszinierten Eliphas Levi hielt, die Judenfeindlichkeit der Nazis auch nur annähernd befürwortet haben könnte. Tatsache ist, dass Crowley sich in den Jahren 1930 - 1934 und 1936 - 1938 oft in Deutschland aufhielt. Tatsache ist aber auch, dass der O.T.O. 1935 von den Nazis verboten wurde und dass Karl Germer (Frater Saturnus), ein Freund Crowleys, der ihm bei der Veröffentlichung seiner Werke in Deutschland geholfen hatte, 1939 als Freimaurer und Ordensmitglied für 10 Monate ins Konzentrationslager kam. Er konnte 1941 in die USA emigrieren.

Diese Ereignisse dürften wohl kaum dazu beigetragen haben, Crowleys Bewunderung für die Nazis aufrecht zu erhalten. Außerdem scheint es eine weitere Tatsache zu sein, dass er 1939 zu Kriegsbeginn vom Chef der britischen Marineaufklärung zu einem Gespräch eingeladen wurde. Möglicherweise ist ja doch etwas dran an Crowleys Behauptung, er hätte sich im Auftrage des britischen Geheimdienstes betätigt. Jedenfalls verhält sich Crowley während des Krieges ausgesprochen britisch-patriotisch. Seine Korrespondenz mit Martha Küntzel hatte er bereits 1939 eingestellt, als sich herausstellte, das Martha eine Bewunderin Hitlers war.

Während Crowley nie den Versuch unternommen hatte, Presseorgane, die ihm besonders übel mitspielten, wegen Verleumdung zu verklagen, brachte ihn ein vergleichsweise harmloser Vorfall dazu, eine solche Klage gegen einen Londoner Buchhändler einzureichen. Dieser hatte in seinem Schaufenster mit einem Schild neben Crowley's Roman Moonchild suggeriert, dass dieses Buch obszöne Inhalte aufweise. Crowley gewann den Prozess und erhielt 50 engl. Pfund Schadenersatz zugesprochen. Dieser Erfolg verleitete ihn dazu einen weiteren Prozess in Gang zusetzen, der zu einem der seltsamsten Prozesse seiner Zeit werden und schließlich zu Crowleys finanziellem Ruin führen sollte. Mit der Verleumdungsklage gegen seine langjährige Bekannte Nina Hammett hatte Crowley, anders als im ersten Fall, einen großen Verlag mit entsprechend versierten Anwälten gegen sich. Der Verlagsanwalt schaffte es in kürzester Zeit, sowohl die Schöffen, als auch den Richter gegen Crowley einzunehmen, indem er sämtliche Vorfälle aus seinem Leben anführte, entsprechende Zeugen aufmarschieren ließ - darunter Betty May, die Crowley für den Tod ihres Mannes verantwortlich machte und ihm nie verziehen hatte - und aus Crowleys pornografischen Werken vorlesen ließ. Auf der anderen Seite fand sich niemand, der zugunsten von Crowley's Reputation aussagen wollte. Der Prozess endete am vierten Tag mit dem Freispruch der Beklagten. Der unangenehme Nebeneffekt war, dass Crowley aufgrund der öffentlichen Anteilnahme an diesem Prozess ins Visier seiner Gläubiger rückte, die jetzt allesamt ihre ausstehenden Forderungen eintreiben wollten. Crowley musste den Offenbarungseid leisten. Doch es kam noch schlimmer. Betty May verklagte ihn. Er sollte ihr Briefe gestohlen haben, um sie in seinem Prozess gegen Nina Hammett als Beweisstücke zu verwenden. Zwar hatte Crowley diese Briefe nicht gestohlen, sondern lediglich dem Dieb abgekauft, doch er wurde schuldig gesprochen und musste die Gerichtskosten tragen. Crowley war finanziell am Ende und wieder auf die Unterstützung von Gönnern und Anhängern angewiesen.

So schnell gibt ein Aleister Crowley jedoch nicht auf. Er fühlte sich keines Wegs am Boden zerstört, sondern sah sich, im Gegenteil, als Sieger, denn die große öffentliche Anteilnahme an seinen Prozessen, bescherten auch seinen Lehren und Büchern entsprechende Aufmerksamkeit. In den nächsten Jahren veröffentlichte er weitere Werke und machte sich schließlich mit Frieda Harris an die Arbeit zu seinem Thoth Tarot. Dieser erschien 1944, zusammen mit Crowleys Buch "Das Buch Thoth". Im gleichen Jahr verließ er London und zog nach Aston Clinton aufs Land. Nur ein Jahr später zog er erneut um, diesmal nach Hastings, wo er sich in einem Landhotel niederlässt. Hier wird er von einem Freund mit dem englischen Hexenmeister Gerald B. Gardner bekannt gemacht, mit dem er sich in der Folge recht oft getroffen haben soll. Es ist wohl kaum verwunderlich, dass ein Zusammentreffen dieser beiden großen Magier zu allerhand Spekulationen geführt hat. So soll angeblich Crowley hinter Gardners Buch der Schatten stecken oder aber Gardner soll Crowley dafür bezahlt haben, dass er es schrieb. Nichts davon ist wahr. Zwar enthält Gardners Buch Passagen, die auf Crowley zurückgehen. Diese waren jedoch das Resultat einer gemeinsamen Untersuchung der Rituale in Old George Pickingill's Coven, anhand von Erinnerungen und Aufzeichnungen.

Crowleys Gesundheit ist nicht mehr die beste. Im Sommer 1947 wurde er zusehends schwächer. Auch sein Asthma machte ihm wieder zu schaffen. Doch Crowley wäre nicht Crowley, wenn sich nicht auch noch um sein Ableben Legenden bilden würden. Wenn man die unwahrscheinlichen einmal weglässt, bleiben zwei Versionen übrig. Laut John Symonds soll Crowley keinen leichten Tod gehabt haben und am 01. Dezember 1947 in den Armen von Frieda Harris gestorben sein. Angeblich waren seine letzten Worte: "I am perplexed." (Ich bin überrascht.) Möglich wäre aber auch die Version des früheren Managers des Hotels, in dem Crowley wohnte. Demnach soll Crowley die Angewohnheit gehabt haben, in seinem Zimmer auf und ab zu gehen. Am 01. Dezember war aus diesem Zimmer plötzlich ein Poltern zu hören. Kurz darauf fand man Crowley tot auf. Laut seinem Totenschein ist er an Herzversagen gestorben, eine Todesursache die zu beiden Versionen passen würde.

Selbst auf seinem letzten Weg schafft Crowley es noch, für Verwirrung zu sorgen. Symonds schildert seine Beerdigung in Brighton, bei der auch eine Art "Gnostisches Requiem" gefeiert worden sein soll, was die Stadtoberen von Brighton in Rage versetzte. Allerdings soll sein Körper auch (später?) eingeäschert und seine Asche von Karl Germer, der von Crowley bereits 1942 schriftlich zu seinem Nachfolger als Oberhaupt des O.T.O. bestimmt worden war, in die USA überführt worden sein.

Zeit seines Lebens hatte Crowley es geschafft, so ziemlich jeden, der mit ihm über längere Zeit in Berührung kam, irgendwann einmal vor den Kopf zu stoßen. Selbst gegenüber Menschen, die ihn mochten und ehrlich bewunderten, verhielt er sich nicht selten rücksichtslos und ungerecht. Eigentlich gab es nur drei Menschen in seinem Leben, über die er nie ein negatives Wort verlor: sein Freund Louis Wilkinson, Karl Germer und Frieda Harris, mit der er das Thoth Tarot schuf.

Obwohl Aleister Crowley bis heute hauptsächlich mit dem Golden Dawn in Verbindung gebracht wird, war er doch weitaus mehr mit dem O.T.O. verbunden, dessen weltweites Oberhaupt er von 1922 bis zu seinem Tode 1947 war. Der Caliphat-O.T.O., der inzwischen gerichtlich anerkannte, legitime Nachfolge-Orden des "Ur-O.T.O." brachte 1970 das Thoth Tarot erneut heraus. Bis heute finanziert sich der Orden hauptsächlich aus den Tantiemen dieses Tarots.

Quellenangaben:
Bild: Aleister Crowley: Masonic Regalia, ca. 1904, Wikipedia Commons, Permission = "by age"
John Symonds, Das Tier 666
Ralph Tegtmeier, Aleister Crowley - Die tausend Masken des Meisters
Christian Bouchet, Aleister Crowley - Das Leben eines modernen Magiers
Colin Wilson, Tanz der Teufel
O.T.O. - Ordo Templi Orientis

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