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Mona Lisa Tarot
Mark McElroy * Paolo Martinello

Das erste, was mir in den Sinn kam, als ich das Mona Lisa Tarot durchgesehen habe war: sehr lebendig, sehr sprechend und sehr ungewöhnlich.

Die Mona Lisa von Leonardo da Vinci befindet sich heute im Louvre in Paris. Wenn man vor dem hinter Glas befindlichen und zusätzlich durch eine Absperrung gesicherten Bild steht, ist man erst einmal erstaunt, wie klein es ist. Das berühmteste Gemälde der Welt misst nur 77 x 53 cm. Ihren Ruhm verdankt die Mona Lisa ihrem geheimnisvollen Lächeln und der Tatsache, dass man Jahrhunderte lang nicht sicher wusste, wen sie denn nun eigentlich darstellt. Die Spekulationen gingen von der Herzogin Isabella von Aragonien über Isabella d'Este, die Marquise von Mantua oder die Mätresse des Giuliano de Medici bis hin zu der Vermutung, es handele sich um den jungen, als Frau dargestellten, Jacopo Saltarelli, in den der homosexuelle Da Vinci angeblich verliebt gewesen sein soll. Der italienische Originalname des Gemäldes lautet "La Gioconda", was soviel, wie "die Fröhliche" bedeutet. Inzwischen scheint es jedoch als sicher festzustehen, dass es sich bei der Mona Lisa um Lisa del Giocondo, die Gattin des Kaufmannes Francesco del Giocondo handelt, was bereits im 16. Jahrhundert von Giorgio Vasari, Leonardos erstem Biografen, behauptet wurde. Hierdurch finden auch die Namen des Gemäldes eine einfach Erklärung. La Gioconda ist die weibliche Form von Giocondo und bedeutet ganz einfach "die Gioconda, Frau des Giocondo" und Mona Lisa bedeutet nichts weiter,als Frau Lisa (Mona oder Monna war eine Kurzform der Anrede Madonna (=meine Herrin), der damals in Italien üblichen Anrede für Frauen).

Die Mona Lisa des Tarots von Mark McElroy und Paolo Martinello ist jedoch nicht von dieser Welt. Sie scheint eine Art guter Geist zu sein. Vor allen Dingen ist sie aber nicht das, was sie zu sein vorgibt. So sehen wir z.B. auf der Acht der Pentakel und auf der 13. Großen Arkana recht eindeutig, dass es sich bei der Mona Lisa in Wahrheit um einen Mann handelt, also einen Transvestiten. Womit wir auch gleich bei einer weiteren Besonderheit dieses Tarots sind: traditionelle Darstellungen fehlen völlig. Statt dessen erzählen die Karten Geschichten. Diese Geschichten werden jedoch meist nicht in fortsetzender Folge dargestellt, sondern sind über das Deck verteilt, d.h. eine Karte erzählt einen Teil einer Geschichte und an andere Stelle erzählt eine andere Karte den Fortgang. Man muss sich die Geschichten sozusagen zusammensuchen. So sehen wir zum Beispiel auf der 3. Großen Arkana, der Karte der Herrscherin, die Mona Lisa, wie sie einen Jungen, der offensichtlich gerade beim Stehlen eines Apfels erwischt wurde, rettet, indem sie dem Besitzer des Obststandes den Apfel bezahlt. Aber erst auf der Karte Neun der Kelche sehen wir dann, dass sie wohl nicht nur den einen Apfel bezahlt, sondern dem Jungen alle Äpfel gekauft hat. Dort sitzt nämlich der ärmliche Delinquent von der Karte der Herrscherin in einem heruntergekommenen Zimmer beim Verzehren der Äpfel. Sein Gesichtsausdruck und seine Körperhaltung lassen zweierlei Schlüsse zu: tiefe Zufriedenheit und Genuss, aber auch, dass sich die Menge der Äpfel, die er bereits gegessen hat, so langsam auf den Magen zu schlagen scheint.

Nichts ist bei diesem Deck so, wie es auf den ersten Blick erscheint. Das fängt schon bei der farblichen Gestaltung an. Das Mona Lisa Tarot wirkt erst einmal etwas düster. Doch das täuscht. Wenn man die Bilder auf sich wirken lässt und die - mehr oder weniger - verborgenen Geschichten erkennt, verschwindet die vorgebliche Düsternis und eine lebendige und teils geheimnisvolle Welt aus der Zeit der Renaissance erscheint.

Zu jeder Karte wird im Begleitheft ein Aphorismus angegeben, der zwar in den meisten Fällen gut zu dem jeweiligen Kartenbild zu passen scheint, nicht aber zur traditionellen Kartenbedeutung. Doch wenn man sich etwas eingehender mit den Karten und den Aphorismen befasst, lassen sich die traditionellen Kartenbedeutungen vielfach dann doch wieder erkennen. Bei den oben erwähnten Karten der Herrscherin und der Neun der Kelche ist es noch recht deutlich. Die Aphorismen zu diesen beiden Karten lauten: "Eine edle Tat ist der Keim einer glücklicheren Zukunft." (Herrscherin) und "Kleine Gesten können eine tiefgreifende Loyalität erzeugen." (Neun der Kelche).

Als Beispiel für eine etwas schwieriger zu durchschauende Symbolik sei hier die Acht der Schwerter angeführt. Das Kartenbild zeigt die enge Straße einer Stadt. Diese wird augenscheinlich gerade von einem schweren und ungewöhnlichen Angriff getroffen. Es regnet Schwerter vom Himmel. Die Männer in der Straße sind verängstigt und versuchen sich verzweifelt vor dem Schwerterregen zu schützen. Einige Schwerter liegen bereits auf der Straße. Es scheint jedoch niemand verletzt zu werden. Der Aphorismus zu dieser Karte lautet: "Die Bedeutung eines Anzeichens liegt in seiner Interpretation". Auf den ersten Blick scheinen das Kartenbild und der zugehörige Aphorismus nicht so ganz zusammenzupassen. Doch was passiert hier wirklich? Ein wie auch immer gearteter Angreifer bombardiert eine Stadt mit voll funktionsfähigen Waffen. Dadurch versorgt er seine Gegner ja sozusagen mit den Mitteln sich zu verteidigen. Wenn die Männer auf der Karte die Schwerter ergreifen würden, statt vor ihnen zu flüchten, könnten sie recht wirkungsvoll gegen den Feind vorgehen. Hinzu kommt, dass es sich bei den verängstigten Männern ganz augenscheinlich nicht um Ritter handelt, sondern um einfache Leute. In der damaligen Zeit waren jedoch nur Ritter, bzw. Angehörige des Adels und der höheren Gesellschaftsschichten dazu berechtigt, Schwerter zu tragen. Wir haben es hier also zusätzlich mit einem - wenn auch sehr ungewöhnlichen - Ritterschlag zu tun, der das Selbstbewusstsein der verängstigten Männer auf dem Kartenbild ganz erheblich steigern könnte. Wenn sie es nur erkennen würden.

Nicht jede Karte des Mona Lisa Tarots ist Bestandteil einer Geschichte. Es gibt auch "Einzelkämpfer". Nehmen wir zum Beispiel die Sieben der Schwerter. Hier sehen wir eine Ratte, die - augenscheinlich zufrieden und satt - inmitten eines Müllhaufens selig schläft. Sie scheint sich keiner möglichen Gefahren bewusst zu sein und so bemerkt sie auch die riesige Katze nicht, die gerade auf leisen Pfoten um die Ecke schleicht. Was als nächstes passieren wird, kann man sich leicht denken. Der Aphorismus zu dieser Karte lautet: "Gesegnete Ignoranz". Der Bezug zur traditionellen Grundbedeutung dieser Karte ist hier wirklich nicht schwer zu erkennen und zudem sehr anschaulich umgesetzt.

Sehr ungewöhnlich ist auch die Darstellung des Herrschers. Dieser Herrscher hat so gar nichts Herrschaftliches an sich. Da sitzt ein offensichtlich vom Schicksal gebeutelter Mann in einem heruntergekommenen unordentlichen Raum. Lediglich der Laib Brot auf dem Tisch und der augenscheinlich wohlgefüllte Geldbeutel weisen darauf hin, dass dieser bemitleidenswerte Kerl nicht ganz so arm sein kann, wie es den Anschein hat. Außerdem befindet sich eine dunkelrote Rose in einer kostbaren Vase auf dem Tisch. Der Aphorismus zu dieser Karte lautet: "Um von der Vergangenheit frei zu sein, muss man vergeben." Die tiefergehende Bedeutung dieses seltsamen Herrschers kann man jedoch erst erkennen, wenn man die Karte der Herrscherin (siehe oben) daneben legt und etwas genauer hinschaut. Der Herrscher ist nämlich der Obstverkäufer, dem die Mona Lisa die Äpfel abgekauft hat und der Geldbeutel auf dem Tisch ist demnach sehr wahrscheinlich genau der Geldbeutel, den er von ihr bekommen hat.

Die Mona Lisa ist allerdings nicht die einzige geheimnisvolle Gestalt in diesem Tarot. Da gibt es zum Beispiel auch noch die alte Frau, die einige Fäden im Hintergrund zu ziehen scheint, oder die rothaarige junge Frau, die auch immer wieder auftaucht. Auf der Karte der Hohepriesterin sehen wir sie beispielsweise als Bischöfin und auf der Sechs der Stäbe als Ritterin, die gerade erfolgreich eine Schlacht geschlagen hat, dargestellt. Letzteres ist eine Szene die stark an Jeanne d'Arc erinnert.

Es gibt viel bei diesem ungewöhnlichen Tarot zu entdecken. Leider ist das kleine Begleitheft, wie immer, nicht sehr aufschlussreich. Hinweise auf die Hintergrundgeschichten fehlen völlig. Es wird lediglich gesagt, dass es diese Geschichten gibt. Ausnahmsweise ist dieses Fehlen von Informationen aber diesmal kein Mangel, denn gerade bei diesem Deck ist es besonders wichtig, selbst zu entdecken, was es zu entdecken gibt. Schließlich handelt es sich nicht zuletzt um einen "...als Kartendeck maskierten Traum...", dessen Wirklichkeit Mark McElroy anhand seiner geheimnisvollen Mona Lisa mit folgenden Worten beschreibt:

"Ihr Vorüberschreiten - sie geht alleine von einem Ort zu einem anderen - schlägt in der sie umgebenden Wirklichkeit Wellen. Wo sie vorbei geht, verwandeln sich die Kathedralen in Freudenhäuser, die Alten werden wieder zu Kindern und die Reichen zu Bettlern. Ihr gelingt es, die Geschichte allein durch ihre Anwesenheit in ihre Geschichte zu verwandeln - es ist so, als ob die Tatsachen, während wir sie betrachten, den Fantasien Platz machten und sich die Vergangenheit in eine Quelle reiner Möglichkeiten auflöste."

Das Mona Lisa Tarot bekommt man direkt beim Verlag Königsfurt-Urania, sowie im Esoterik-Fachhandel oder in Esoterik-Abteilungen im Buchhandel. Weitere Kartenbilder sind in der Tarotsammlung zu sehen.



Copryright © 2007 des Mona Lisa Tarots by Lo Scarabeo, Turin

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