Tarot des Heiligen Gral  -  Teil 1

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Dieses Tarot basiert auf den berühmten drei Mönchsritterorden, die seit Jahrhunderten mit der Suche nach dem Heiligen Gral verknüpft sind: dem Johanniterorden, dem Deutschherrenorden und dem berühmtesten und Legenden umwobensten von allen, dem Orden der Tempelritter. Diese Bezugshistorie bietet natürlich ein großes Potential, welches auch von der symbolischen Darstellung her sehr gut umgesetzt wurde. Ein wenig enttäuschend ist jedoch die farbliche Gestaltung. Die Farben wirken etwas eintönig und werden der Lebendigkeit der Darstellungen nicht richtig gerecht.

Die Karten tragen die traditionellen Kartenbezeichnungen, erzählen aber ihre eigene Geschichte und weichen daher bezüglich der Symbolik teilweise von der traditionellen Tarotsymbolik ab. Umso wichtiger für das Verständnis der Karten dieses Decks ist es daher, sich mit den Darstellungen und der damit verbundenen Geschichte etwas näher zu befassen. Das diesem Tarot beiliegende kleine Begleitheftchen ist hier leider, allein schon aufgrund des begrenzten Platzes, wenig aufschlussreich. Hier finden wir nur die üblichen, kurzen Anweisungen zum Gebrauch des Tarots in fünf Sprachen. 

Die Geschichte des Tarots des Heiligen Gral spielt zur Zeit der Kreuzzüge und der darauf folgenden zeitweisen Herrschaft der Christen in Jerusalem. 1096 hatten sich mehrere Kreuzfahrerheere zum ersten Kreuzzug in Richtung des unter moslemischer Herrschaft stehenden Palästina aufgemacht. Bereits auf ihrem Zug durch Kleinasien kam es zu mehreren schweren Kämpfen. Im Jahre 1099 erreichten die inzwischen stark dezimierten Kreuzfahrerheere Jerusalem, welches sie schließlich erobern konnten. Eine Folge dieses ersten Kreuzzuges war nicht nur die Errichtung des Königreichs Jerusalem, sondern letztendlich auch  die Gründung der Mönchsritterorden und der späteren Legendenbildung insbesondere um die Tempelritter. Für das Verständnis des Tarots des Heiligen Gral ist es wichtig, sich mit dieser Geschichte und einigen der historischen Persönlichkeiten, die uns auch auf den Karten begegnen, näher zu befassen.

Gleich auf der ersten Karte sehen wir einen der Pilger, deren Schutz auf dem Weg ins heilige Land die ursprüngliche, selbstgestellte Aufgabe der Tempelritter war. Allerdings wirkt dieser Pilger nicht wirklich schutzbedürftig. Er hat viel eher etwas von einem - wenn auch etwas zerlumpten - Helden à la Siegfrid. Man beachte hier vor allem den Krummdolch, der hinter seinem Bündel an seinem Stab hängt. Als nächstes begegnet uns Hugo von Payns, der legendäre Gründer der Tempelritter und erste Großmeister des Ordens. Im Tarot des Heiligen Gral ist er der Magier. Ihm folgt auf der Karte der Hohepriesterin die heilige Eufemia, die im Grunde genommen gar nichts mit den Tempelrittern und der Gralssuche zu tun hat. Die Karte zeigt ihren Schrein, vor dem zwei Kreuzritter knien. 

Eufemia von Chalkedon, das in der heutigen Türkei liegt, war eine römische Adelige, die im 3. Jahrhundert n.Chr. lebte. Trotz der Christenverfolgungen bekannte sie sich offen zu ihrem Glauben. Sie wurde verhaftet und man versuchte, sie durch Folter dazu zu bringen, ihrem Glauben abzuschwören. Eufemia blieb jedoch standhaft. Die Geschichten über die von ihr erduldeten Martern muten, wie so viele andere Heiligengeschichten, geradezu wundersam an, woraus man schließen kann, dass die ursprüngliche Überlieferung im Laufe der Zeit erheblich ausgeschmückt wurde. So soll Eufemia, an das Rad gebunden, gefoltert worden sein. Als sie standhaft blieb und die Martern überlebte, soll sie an den Haaren aufgehängt und sieben Tage ohne Nahrung zwischen Steine gepresst worden sein. Sie starb jedoch nicht, sondern wurde durch einen Engel ernährt und die Steine zerfielen zu Staub. Als sie dann den Löwen vorgeworfen wurde, sollen diese sie nicht zerfleischt, sondern sich statt dessen so zusammen gestellt haben, dass Eufemia wie auf einem Stuhl auf ihnen ruhen konnte. Schließlich nahm sich der Henker der Sache persönlich an und tötete sie mit einem Schwert. Sie wurde in Chalkedon beigesetzt und an der Stelle ihres Grabes wurde später eine Kirche errichtet, in welcher im Jahre 451 das Konzil von Chalkedon stattfand. Damit endete die Geschichte jedoch nicht, sondern erfuhr einige Jahrhunderte später noch ein Nachspiel. Im Jahre 800 soll der Sarkophag mit ihren sterblichen Überresten eines nachts plötzlich verschwunden sein. Am Morgen des 13. Augustes des selben Jahres soll dieser Sarkophag am Strand der Stadt Rovinj im heutigen Kroatien wieder aufgetaucht sein. Seitdem ist Eufemia die Schutzpatronin von Rovinj. Der kleine Ort an der Adria liegt auf dem Weg, den eines der Kreuzfahrerheere, nämlich das Heer unter Raimund von St. Gilles, genommen hat...

Auf der nächsten Karte, der Karte der Herrscherin begegnet uns die Königin Sybille von Jerusalem. Sybille von Anjou (1159 - 1190) war die einzige Tochter des Königs Amalrich I. von Jerusalem aus seiner ersten Ehe mit Agnes von Courtenay. Amalrich wiederum war ein Sohn von König Fulko und Königin Melisende von Jerusalem.